Wollen wir doch mal ernst werden. Und auch ein bisschen politisch. Eigentlich bin ich nicht so wahnsinnig politisch. Mich regen Diskussionen darüber meistens einfach auf. Das mag an der Art liegen, wie diese Diskussionen oft geführt werden. Die meisten Menschen sind einfach sehr eingefahren in ihren Meinungen. Und da nehme ich mich gar nicht aus. Und weil das so ist, wird der Ton oft irgendwann scharf und vernünftige Diskussionen erscheinen unmöglich. Am Ende ist das Ergebnis meistens nur, dass man dazu neigt, sein Gegenüber in dieser Sache einfach irgendwie nicht ernst nehmen zu können und das wars dann auch schon.
Und schon bin ich mitten drin im Thema. Darf man Diskussionen vermeiden, nur weil sie einem zu anstrengend sind? Ich hatte ja jetzt Urlaub. Ich hab den Spiegel immer schon gerne gelesen, aber wenn man das Heft ganz lesen will, dann kann man dafür schonmal ungefähr eine Woche brauchen und dann bleibt wenig Zeit für andere Lektüre. Jetzt hatte ich ja Zeit dafür. Größtenteils war das Thema des Spiegels letzte Woche die Attentate in Norwegen. Mich hat das Thema wirklich sehr beschäftigt. Nicht nur der Anschlag an sich, sondern all die Erscheinungen, über die ich in den Artikeln informiert wurde und die mir klar gemacht haben, dass das rechte Gedankengut in unterschiedlichen Ausmaßen in Europa wirklich weit verbreitet ist. Und dabei geht es nicht nur um die Betreiber der Blogs, aus denen der Attentäter sein krankes Gedankengut bezogen hat. Ich hab darüber nachgedacht und mir wurde klar, dass ich eigentlich schon bemerkt hatte, dass die fremdenfeindlichen Aussagen, die ich auch im Alltag immer mal wieder von Menschen wahrgenommen habe, die ich teilweise eigentlich für vernünftig halte, mit der Zeit immer mehr geworden waren. Irgendwie hat diese ganze Sarrazin-Sache dem auch den Boden geebnet. Vielleicht haben die Leute jetzt auch einfach mal gesagt, was sie schon lange gedacht haben. Ich weiß es nicht genau. Aber wisst ihr, über was ich am meisten geschockt war? Ich habe bemerkt, dass ich dazu nicht mehr den Mund aufgemacht habe. Jetzt, wo ich Zeit hatte, darüber nachzudenken, ist mir aufgefallen, dass ich einfach viel zu oft dachte "Ist mir jetzt zu anstrengend. Hab ich jetzt keinen Bock drauf. Lasse reden." Und ich habe ein schlechtes Gewissen deswegen. Wie oft hauen Menschen irgendwelche Parolen raus, ohne wirklich mal über die moralischen Hintergründe ihres Redens nachzudenken. Und mir fällt das natürlich auf. Aber neben der Anstrengung der Diskussion, habe ich manchmal sogar im Hinterkopf, dass man die Menschen, die man ja manchmal sogar mag - nur nicht in der Sache - jetzt nicht vor den Kopf stoßen will, in dem man ihnen ein moralisch verwerfliches Verhalten unterstellen will. Ist das nicht bescheuert? Ja!
Es fängt doch schon im Kleinen an. Jeder einzelne, der diese Parolen in die Welt haut wird ja schließlich von irgendwem gehört, der es ihm dann vielleicht gleich tut. Eigentlich muss man da sofort dazwischengehen und sagen "Falsch!" Und man darf das nicht aus Bequemlichkeit unterlassen. Ich hab mir vorgenommen, da jetzt mehr meine Meinung zu sagen.
Es geht mir auch gar nicht darum, Menschen, die sich ernsthaft über unsere Einwanderungspolitik Gedanken machen, mundtot zu machen. Natürlich darf man darüber reden. Es kommt nur auf das Wie an.
Ich kann ja sogar auch verstehen, dass die Menschen Probleme mit dem Fremden haben, das Einwanderer nunmal logischerweise an sich haben. Und ich gebe sogar zu, dass es Klischees gibt, die von einigen ausländischen Bevölkerungsgruppen häufig genug erfüllt werden. Aber auch die Deutschen erfüllen ihre Klischees. Und all diese Klischees haben einen Hintergrund. Jeder wird in einer kulturellen Prägung groß. Und gewisse Verhaltensweisen bilden sich durch diese Prägungen. Aber das darf niemandem zum Vorwurf gemacht werden. Das Leben, wie wir es führen, darf nicht zum Maßstab für alle gemacht werden. Selbst wenn sie in unserem Land wohnen. Natürlich ist gute Integration wichtig, aber vielleicht ist das ja auch manchmal einfach nicht so leicht. Sich an die Grundregeln der Gesellschaft und die Gesetze zu halten, sollte ja wohl erstmal ausreichen. Das hat schließlich alles mit der Globalisierung zu tun. Wer die positiven Seiten auskosten will, muss auch mit den Dingen, die einem erstmal unverständlich und vielleicht sogar unangenehm erscheinen, umgehen können. Und wenn man dann mal versucht, zu verstehen was einem unverständlich erscheint, dann gibt es für viele dieser Dinge auch Erklärungen. Manchmal möchte ich einfach sagen: "Wie wärs, wenn du dir einfach mal nen bisschen was über unsere Geschichte und Politik im Allgemeinen durchliest, dann mal nachdenkst und dann reden wir weiter?" Auch wenn der Einzelne von uns für gewisse Dinge keine Verantwortung trägt, so ist es eben eine Tatsache, dass jedes Volk die Folgen seiner Geschichte zu tragen hat. So funktioniert das. Ob es einem passt oder nicht.
Ich habe mich jedenfalls über mich selbst gewundert. Ich neige doch wirklich sehr zum Moralisieren und weiß ganz genau, dass ich damit sogar anstrengend sein kann. Aber ich habe wirklich zu oft den Mund gehalten, wo ich es nicht hätte tun sollen. Und ich habe mir vorgenommen, das jetzt zu ändern. Manchmal wird mir das sicher immer noch schwer fallen. Irgendwie hat man ja auch Angst, zu belehrend zu wirken. Aber vielleicht weiß so mancher, der mit Parolen um sich haut manchmal auch wirklich nicht genug. Und da täte eine kleine Lehre vielleicht wirklich mal ganz gut. Und man hat vielleicht auch Angst, dass der andere aus irgendeinem Grund besser diskutieren kann, als man selbst und dass einem die Argumente ausgehen. Wie gesagt, so politisch bin ich eigentlich nicht. Ich hab da auch meine Lücken. Aber in der Sache an sich weiß ich ja, was richtig ist. Und das Ausbreiten von Fremdenfeindlichkeit kann es nicht sein.
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