Gestern Abend saß ich so - kurz vor dem Zubettgehen - auf dem Balkon. Es hatte sich schon wieder dieser leicht grummelige Unterton eingeschlichen, der sonntagsabends gerne mal vorbeikommt, den kein Mensch braucht, der aber immer mal wieder gerne einen Abstecher zu mir macht, um mir zu sagen: "Morgen ist Montag." Ich sitz da also so und gucke in die Sterne und da fliegt ein Flugzeug des Weges. Da hab ich mir gedacht, wie gut die Leute da oben das doch haben. Die Welt ist für die so klein. Aber ich sitz hier auf meinem Fleckchen Erde und komm hier nicht weg. Immer das gleiche. Immer die gleichen Straßen. Immer die gleichen Wege. Immer die gleichen Zeiten. Immer die gleichen Handgriffe. Immer die gleichen Gesichter. Jede Woche Montag. Manchmal kann man diese Monotonie einfach nicht mehr ertragen. Man hat das Gefühl in ihr gefangen zu sein, ohne dass man je danach gefragt worden wäre, ob man das so eigentlich alles will.
Ich sitz da also so. Das Flugzeug über mir. Und da schießen mir lauter Bilder in den Kopf. Ich sitz in Portugal in Estoril am Meer und trink ein eiskaltes Superbock am Kiosk. Oder ich laufe oben auf dem Berg entlang, schaue rüber zum Schloss Neuschwanstein und kann gar nicht genug bekommen von dieser Luft. Oder mein Blick schweift hoch zum Tibidabo, während ich gerade in Barcelona auf der Rambla del Raval sitze und mich wundere, dass es dort gar keine Wespen gibt, die einem ans Getränk wollen. Vielleicht lieg ich auch nur in Holland am Meer. Oder ich stehe wieder an dieser wunderschönen Blumenwiese irgendwo an der Ostsee, die ihr hier im Hintergrund seht.
Und dann wird es ganz schlimm ... dieses Fernweh. Ich muss hier raus. Einfach um wieder zu sehen, dass man auch woanders leben könnte, wenn man wollte. Damit man wieder weiß, dass man sich dafür entscheiden kann, wo man sein will. Und dann weiß man auch wieder, dass man sich einmal dafür entschieden hat, an seinem eigenen Fleckchen Erde zu leben. Und dass man sein Fleckchen liebt und es auch nicht hergeben wollen würde. Aber dafür muss man manchmal einfach raus. Wieder sehen, dass man die Wahl selbst getroffen hat. Man vergisst es leider manchmal.