Und wieder einmal bin ich überrascht, wie heftig manche Filme im Internet so diskutiert werden. Wie weit Meinungen auseinander gehen können und wie sich sogar regelrecht darüber gestritten wird. Ich rede von dem Film "Der Mörder in mir", der gerade mit Casey Affleck in der Hauptrolle auf DVD erschienen ist. Ich lese mir so die Rezensionen durch und stelle fest, dass meine Herangehensweise in diesem Fall vielleicht nicht die richtige war. Wieder einmal dachte ich mir: "Lies doch zuerst mal das Buch." Das habe ich auch getan. Gestern habe ich dann den Film gesehen und habe durchaus bemerkt, dass einige Details fehlen, die unter Umständen wichtig wären, damit man die erzählte Geschichte in Gänze erfassen kann. Allerdings hatte ich die Informationen ja und daher weiß ich jetzt natürlich nicht mehr, wie der Film auf mich gewirkt hätte, hätte ich das Buch vorher nicht gekannt. Viele regen sich über die Darstellung der Gewalt auf. Ich hatte nichts anderes erwartet. Auch im Buch wird die Gewalt sehr brutal dargestellt. Es handelt sich immerhin um die Studie des Charakters eines skrupellosen Mörders. Natürlich gucke ich mir die Gewaltszenen auch nicht gerne an. Aber wenn ich mir eine solche Geschichte angucke, dann darf ich doch nicht erwarten, dass es nicht brutal zur Sache geht. Da geht es doch auch um einen gewissen Realismus. Dann kann man gleich fragen, ob es überhaupt in Ordnung ist, die Geschichte eines Mörders zu erzählen. Und ich denke, dass das in Ordnung ist. Auch wenn wir uns alle wünschen, dass solche Geschehnisse bitte niemals unser Leben erreichen mögen, so passieren sie doch. Und vielleicht ist es gar nicht so schlecht, auch mal dran erinnert zu werden, dass man nie weiß, was hinter der Fassade eines Menschen schlummern könnte.
Meine Meinung ist einfach, dass der Film nicht leisten kann, was das Buch leistet. Die Größe des Buches macht, so denke ich, in erster Linie aus, dass die Sprache bei der Charakterisierung von Lou Ford, der einem ja die ganze Geschichte aus seiner Sicht erzählt, eine ganz zentrale Rolle übernimmt. Sie ist sehr pointiert, sarkastisch, manchmal sogar irgendwie belustigend. Er stellt sich nach außen hin bewusst unbedarft dar, während er eigentlich ein kluger Kopf ist, der durchaus auch kluge Gedanken hat. Ein kranker kluger Kopf, der das irgendwie sogar ganz genau weiß. Auf eine kuriose Art ist er nicht mal unsympatisch. Man ist hin und her gerissen zwischen Abscheu und Anziehung. Und manchmal verabscheut man sich dann sogar selbst, weil man diesen Psychopathen nicht ganz so abstoßend findet, wie man das eigentlich müsste.
Jetzt kann man einen Film natürlich nicht komplett aus der Sicht einer Person erzählen. Das geht schon alleine deshalb nicht, weil die Bilder, die ja immer auch eine objektive Komponente haben, dann ja herzlich überflüssig wären. Daher bekommt der Zuschauer des Films sehr viel weniger vom Wesen des Lou Ford mit, als es der Leser des Buches tut, der wirklich die ganze Geschichte über in dessen Gedankenwelt festsitzt. Und weil das so ist, kann der Film lange nicht mit dem Buch mithalten. Er kann es einfach nicht schaffen, das einzufangen, was das Buch so besonders macht.
Ich bin mir ehrlich gesagt noch gar nicht selbst darüber im Klaren, was ich denn jetzt von dem Film halte. Ich hab mir schließlich selbst das Beinchen gestellt, dass es mir unmöglich macht, ihn als Einzelwerk zu betrachten. Vielleicht werde ich ihn einfach in einigem Abstand noch einmal sehen. Vielleicht muss ich auch einfach noch ein bisschen darüber nachdenken, oder das muss sich alles noch ein wenig setzen. Ich weiß nur, dass Casey Affleck sehr überzeugend in der Rolle ist. Wer nicht zart besaitet ist und auch mal Dinge konsumiert, die einen nicht einfach unterhalten, sondern auch aufwühlen, dem sei jedenfalls die Lektüre des Buches empfohlen. Und vielleicht will ja auch jemand den Film sehen. Dann halte ich es definitiv für eine gute Idee, erst zu Gucken und dann zu Lesen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen